International Summer Academy 2016

‘The Survival of a Union: What does the future look like for the EU?’ 

Perfektes Timing: die ISA 2016 in London

Die diesjährige International Summer Academy (ISA) des Politeïa Netzwerkes fand vom 25. bis zum 29. Juni in London statt – nur zwei Tage nach dem britischen Referendum über den Austritt aus der EU. Sie wurde von unserer englischen Partnerorganisation, dem Grimshaw International Relations Club der LSE, ausgerichtet. Gemeinsam diskutierten wir mit VertreterInnen unserer Partnerorganisationen aus Mexiko, Großbritannien sowie der Schweiz über die Herausforderungen der EU. Nur einen Tag nach Bekanntgabe des Ergebnisses des EU-Referendums wurde natürlich auch die Frage nach den Konsequenzen eines Brexits für Großbritannien sowie die EU thematisiert.

Was sind die ISA und das Politeïa Netzwerk?

Die ISA ist eine jährlich stattfindende Konferenz des 2000 gegründeten Politeïa Netzwerkes, bestehend aus studentischen Partnerorganisationen weltweit. Ziel des Politeïa Netzwerkes ist es, StudentInnen für internationale Themen und Werte zu sensibilisieren und untereinander zu vernetzen. Jedes Jahr richtet eine andere Partnerorganisation die International Summer Academy zu einem aktuellen Thema ihrer Wahl aus, mit dem Ziel, das Wissen der Teilnehmer in diesem Bereich zu vertiefen. Nach einer langen Pause fand die ISA im letzten Jahr in Berlin erstmals wieder statt. An der ISA 2016 nahmen neben VertreterInnen des Studentenforums Delegierte folgender Partnerorganisationen teil:
Politeia

- Großbritannien: London School of Economics, Grimshaw International Relations Club
- Mexiko: Conferencia Mariano Otero
- Schweiz: Foraus [(noch?) kein Mitglied im Politeïa Netzwerk]

 

Was hat uns in diesem Jahr erwartet?

Die ISA fand in diesem Jahr im historischen „Old Building“ der LSE in Central London statt. Dabei wurde die Leitfrage nach der Zukunft der EU in vier Themenblöcke unterteilt, die jeweils an einem Tag behandelt wurden: „Finance and Economy“, „The Refugee Crisis and Environment“, „Contemporary Political and Ideological Trends“ sowie „The EU and the World“. Die Vorträge hochrangiger WissenschaftlerInnen ermöglichten uns einen tieferen Einblick in das jeweilige Thema und dienten als Input für anschließende, lebhafte Debatten.

The Economic Consequences of Leaving the EU

2016ISA2Gleich am ersten Thementag behandelten wir die allen auf der Zunge brennende Frage nach den wirtschaftlichen Konsequenzen eines Brexits für Großbritannien. Dr. Swati Dhingra, Professorin an der LSE, zufolge, wäre ein Verbleib in der EU die beste Option für die britische Wirtschaft gewesen. Die einzigen wirtschaftlichen Vorteile eines Austritts seien, Dr. Swati Dhingra zufolge, der Wegfall von EU-Regulierungen sowie Zahlungen an die EU und die Möglichkeit, eigene Handelsabkommen mit anderen Staaten auszuhandeln. Diese Argumente ließen sich jedoch schnell relativieren: Großbritannien sei nicht wichtig genug, als dass es bessere Handelsabkommen mit anderen Staaten aushandeln könne als die EU: „You trade more with countries, who are big, rich and close to you“, lautet Dr. Swati Dhingras logische Erklärung. Zudem erleichterten EU-interne Regulierungen den Handel zwischen den Mitgliedsstaaten und garantierten nicht nur die Qualität europäischer Produkte, sondern auch verschiedene Rechte. Zwar stimme es, dass Großbritannien ein Nettozahler unter den EU-Mitgliedsstaaten ist, allerdings hätte ein Brexit größere Nachteile für die Wirtschaft Großbritanniens: Unter anderem würde ein EU-Austritt zu einem geringeren Handel mit der EU sowie sinkenden ausländische Direktinvestitionen im Vereinigten Königreich führen. Im Vergleich zu einem Szenario ohne Brexit würden die Wachstumsraten der britischen Wirtschaft bis 2020 zwischen 1% und 3% geringer ausfallen als ohne Brexit, bis 2030 zwischen 2% und 8% geringer. Diese negativen wirtschaftlichen Konsequenzen fallen unterschiedlich aus, je nachdem, ob Großbritannien sich nach dem Brexit für das „Norwegische Modell“ oder das „WTO-style model“ entscheidet (wobei die letztere Version zu höheren Einbußen bei den Wachstumsraten führen würde). Nach der Entscheidung der britischen BürgerInnen, aus der EU auszutreten, sollte Großbritannien sich laut Dr. Swati Dhingra nun für das „Norwegische Modell“ entscheiden. Dieses würde dem Vereinigten Königreich den Zugang zum europäischen Markt erleichtern. Allerdings müsste Großbritannien dann der Mobilitätsfreiheit zwischen der EU und Großbritannien zustimmen- ein Grund, weshalb viele BritenInnen eigentlich für den Brexit gestimmt haben.

Konsequenzen des Brexits für Frauenrechte, Umwelt und Co.

Auch durch die Vorträge der folgenden Tage zog sich das Brexit-Thema. Ähnlich wie Dr. Swati Dhingra war auch Dr. Roberta Guerrina von der University of Surrey von dem Ergebnis des Referendums enttäuscht. Sie kam zu dem Schluss, dass ein Brexit auch für die weitere Stärkung der Rechte britischer Frauen negative Auswirkungen haben würde. Und auch die ForscherInnen Brendan Moore, Jonas Schoenefeld und Viviane Gravey vom Tyndall Centre for Climate Change sowie der University of East Anglia fürchteten die negativen Konsequenzen eines EU-Austritts Großbritanniens- in diesem Fall für die Umwelt. Denn die Koalition für strengere Umweltrichtlinien innerhalb der EU würde mit Großbritannien einen wichtigen Partner und somit an Verhandlungskraft verlieren.

2016ISA3Nach den vielen negativen Konsequenzen eines Brexits für beide Seiten, die EU und Großbritannien, versuchten Dr. Sofia Vasilopoulou von der University of York und Marta Lorrimer, PhD candidate an der LSE, den Popularitätsgewinn von Parteien am rechten bzw. linken Rand zu erklären. Sie betonten, dass extreme WählerInnen zwar unterschiedliche Ziele hätten (rechts: Identität und Immigration; links: Wohlstandsumverteilung), beide jedoch aus Protest eine extrem rechte/ linke Partei wählten. Diesem Gefühl, zu den Verlierern der Gesellschaft zu gehören, müssen die „mainstream parties“ durch Differenzierung begegnen, denn dies sei auch eine Ursache für das Ergebnis des EU-Referendums gewesen. Als Ursachen der großen EU-Unzufriedenheit sah Ms Christina Valentza von Chatham House hingegen in erster Linie die EU Institutionen selbst. Diese hätten, gerade im Hinblick auf die Flüchtlingskrise, versagt. Neben ihrer Forderung, Probleme nicht an Drittstaaten wie die Türkei abzuwälzen, betonte sie, dass man die aktuelle Situation der EU als Chance sehen müsse. Weitere Vorträge wie beispielsweise speziell zur Beziehung der EU zur Türkei, zum Thema „EU drug policy“ oder ein Vortrag unserer mexikanischen Partner zu „mexican-EU relations“ rundeten eine spannende Konferenzwoche ab. Das gesamte Programm finden Sie hier.

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Wie geht es weiter?

Dass die International Summer Academy nun zum zweiten Mal in Folge wieder stattgefunden hat, ist in erster Linie dem ISA-Organisationsteam des Grimshaw-Clubs zu verdanken. Sie hat uns wieder einmal verdeutlicht, wie wichtig und bereichernd ein internationales Netzwerk von Studentenorganisationen ist. Deshalb wollen wir auch in diesem Jahr weiter nach Studentenorganisationen in anderen Ländern suchen, bzw. alte Politeia Mitglieder wieder zu einer aktiveren Mitarbeit sowie einer Teilnahme an der nächsten International Summer Academy motivieren. 

 

 

 

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Ein Bericht von Carolin Marschner