Weimar Youth Forum 2017

Das digitale Zeitalter hat inzwischen sämtliche Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erreicht. Von Rechtswissenschaften bis zur Wirtschafts- und Bildungspolitik beschäftigen sich Wissenschaftler und Politiker mit den Chancen und Konsequenzen der Digitalisierung. Doch scheint es, dass die Experten nicht mithalten können. Es braucht frische Ideen. Deswegen widmeten sich vom 07.-09.April 2017 20 Jugendliche aus Frankreich, Polen, Deutschland und Belgien im Rahmen des Weimar Youth Forums 2017 eben diesen Fragen und nahmen das „digitale Europa“ genauer unter die Lupe.

201704WYF2Eröffnet wurde das Konferenzwochenende von Christian Aghroum, ehemaliger Vorsitzende der französischen Behörde für Cyberkriminalität, der die Teilnehmer auf eine kleine Zeitreise zurück in die Ära vor Smartphones und Tablets nahm. „Traditionelle“ Straftaten hätten sich dadurch verändert, dass sie nun mit digitalen Methoden betrieben werden. Phishing hätte zum Beispiel bereits zu Zeiten der Kreuzzüge existiert, als man versuchte, Menschen Geld abzuknöpfen, indem man ihnen es als Investition in eine Suche nach einem weit entfernten Schatz verkauft. Heutzutage passiere das Gleiche täglich mit Emails, die mit ein paar Klicks in die ganze Welt verschickt werden könnten. Gleichzeitig seien jedoch auch „neue“ Straftaten entstanden, wie Hacking zum Beispiel. Die einzige Lösung für diese cyberkriminellen Attacken sei Aktion auf internationaler Ebene. Ein Land allein könne sich kaum schützen. Genau da bräuchte man ein starkes Europa, so Aghroum.

Dieses starke Europa formte sich am gleichen Abend nach der Konferenz im Sitzungsbüro der Conférence Olivaint. Ganz traditionell mit Käse, Charcuterie und Wein tauschten sich die Teilnehmer der Conférence Olivaint Frankreich und Belgien mit den angereisten polnischen Studierendenparlamentsvertretern und den Mitgliedern des Studentenforums über mögliche europäische Kooperationen aus.

201704WYF3Der Samstag gliederte sich in drei thematische Blöcke: Politik, Wirtschaft und Recht unter dem digitalen Blickwinkel. Ludovic Provost, Generalsekretär der Höheren Kommission für Digitalisierung und für die Post in Frankreich, klärte die Teilnehmer über die Notwendigkeit universellen Internetzugangs für die Bevölkerung auf. Erst dann könne die Demokratie „online gehen“ und Wahlen im Internet stattfinden. Dies sei Aufgabe jedes einzelnen Landes. So hätte Estland, nachdem es vor einigen Jahren eine russische Cyberattacke erfahren hat, von Null ein System der digitalen Identität aufgebaut, sodass 99% der Estonier Zugang zu öffentlichen Behörden online hätten. Jedoch sei eine digitale Identität nicht nur ein Chip im Personalausweis, konterte Hervé Juvin. Die Digitalisierung verändere unser Verständnis von Identität. Physische Präsenz sei entkoppelt von geistiger Anwesenheit. Durch künstliche Intelligenz würde in 5-6 Jahren nicht mehr „Ich denke, also bin ich“ gelten und das menschliche Wesen würde vielleicht auf Emotionen und Begierden reduziert werden. In den Gruppendiskussionen, die dieser ersten Diskussionsrunde folgten, wurde in Kleingruppen untersucht, welche Bereiche unseres demokratischen Systems von der Digitalisierung betroffen sind und wie dies einzuschätzen ist. So wurde der Effekt der Massenmedien auf das politische Leben besprochen und mögliche Lösungsvorschläge für das Problem von „fake news“ erwogen. Ein anderes Team widmete sich der Frage, wie die Digitalisierung den Einbezug der Bevölkerung in den demokratischen Prozess verbessern könnte. Die letzte Gruppe nahm sich der Algorithmen in unserem Alltag an, die uns ganz unbewusst manipulieren.

Der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Digitalisierung wurde den Teilnehmern am Nachmittag von Gilles Babinet, einem erfolgreichen Unternehmer, und David Bessis, einem französischen Start-up-Gründer, näher gebracht. Beide ermutigten die Teilnehmer, keine Angst vor riskanten Lebenswegen zu haben und mutig nach seiner Nische zu suchen. In Europa fehle es nicht an talentierten Absolventen, sondern an der finanziellen und juristischen Infrastruktur, um aus kleinen Start-ups mittelgroße Unternehmen zu formen. Auch sei die Gründungsmentalität eine andere als zum Beispiel in den USA. Jedoch sei dies nur eine Frage der Zeit, bis sich das ändert. Welche Fähigkeiten in einer digitalisierten Welt vor allem gebraucht werden und wie man diese verschiedenen Generationsgruppen beibringen kann, diskutierten die Teilnehmer anschließend in einer Workshop-Gruppe. Gleichzeitig wurde nebenan analysiert, wie man die Unternehmerkultur in Europa stärken könnte, etwa mit einem „ERASMUS“-Programm für junge Unternehmer. Eine andere Gruppe befasste sich mit dem Problem des digitalen Wirtschaftskrieges in unserer globalen Welt und erläuterte, welche Regulierungsmaßnahmen möglich seien.

Nach einer kurzen Kaffeepause ging es dann mit zwei Juristen um den rechtlichen Rahmen der Digitalisierung. Danièle Bourcier, Direktorin am französischen Forschungszentrum CNRS, erläuterte den Teilnehmern die vergangene Entwicklung der Rechtsprechung mit Hinblick auf die Digitalisierung bis hin zum französischen Digitalisierungsgesetz („Loi sur le numérique“) vor einigen Jahren. Dieses Gesetz setzt unter anderem den allgemeinen Zugang zum Intranet für alle Franzosen fest. Auf die Hauptdiskussionsfrage der Notwendigkeit einer europäischen digitalen Souveränität verweist sie, ebenso wie ihr Kollege Timothee Paris, Jurist am Conseil d’État, darauf, dass es auf die Definition von Souveränität ankommt: definieren wir immer noch Souveränität als physisches Territorium oder als Konstrukt aus gemeinsamen Werten und Rechten? Dieser Frage widmeten sich direkt im Anschluss zwei Diskussionsgruppen, die einerseits den Transfer von persönlichen Daten von der EU in die USA genauer untersuchten und andererseits sich eine europäische Strategie zur Sicherung des Internets überlegten. Die letzte Gruppe bildete mit ihrer Diskussion gewissermaßen den Bogen zum Beginn der Konferenz, denn es ging um die digitale Identität und welche Anforderungen an sie gestellt werden sollten.

201704WYF4Die Überleitung in den Abend verlief ganz von alleine, denn aufgrund des hervorragenden Wetters am Wochenende fand die letzte Diskussionsrunde im Freien, nämlich im Jardin des Tuileries, statt. Von dort spazierte die Gruppe zum Abendessen mit Musik und Wein. Hier kamen auch noch andere Mitglieder der Conférence Olivaint dazu. Aufgrund der frühen Abreise der polnischen Delegation begann der Sonntagmorgen in kleiner Runde. Bei einem Café wurde sich über das Wochenende ausgetauscht und Verbesserungsvorschläge für die nächste Konferenz diskutiert.

Wir bedanken uns ganz herzlich bei den Mitgliedern der Conférence Olivaint für die Organisation des Weimar Youth Forums 2017 und freuen uns bereits auf die nächste Konferenz 2018, die entweder von der polnischen Partnerorganisation oder von uns ausgerichtet wird.

Damit dieses Wochenende nicht den teilnehmenden Studentenforumsmitgliedern vorenthalten bleibt, finden Sie hier eine Broschüre, die die Diskussionen des Wochenendes ausführlich beschreibt.

Ein Bericht von Anna Steinberg