BrunoSchmidtFeuerheerd

 

Bruno Schmidt-Feuerheerd
Vorstand für Presse
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Ein Jahr im Rückblick – die Chronik

Sie gibt einen Überblick über die wichtigsten Projekte und Höhepunkte des Vereinsjahres. Jedes Jahr können dank des Engagements der 180 Mitglieder wieder zahlreiche Projekte erfolgreich abgeschlossen, neue Projekte initiiert und die Kooperationen auf nationaler sowie internationaler Ebene zu Partnern, wie den Mitgliedern des Politeia-Netzwerks , ausgebaut werden.


Die Jubiläumsausgabe der Jahreschronik 2014 sowie die vorherigen neun Ausgaben illustrieren den Facettenreichtum des Studentenforums, die Vielfalt seiner Projekte und deren florierende Entwicklung über die letzten zehn Jahre.

 

chronik 2016

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Das Studentenforum in den Medien

Studentenforum im LEAD-Blog der Mercator-Stiftung

„Was ich heute entscheide, muss ich morgen meiner Mutter erzählen können“

Ein Gastbeitrag von Maike Sieben und Pepe Strathoff

Der „Wertekompass” gehört in jeden gutsortierten Führungswerkzeugkasten. Doch woher bekommt man einen —baut man ihn selbst oder gibt es ihn von der Stange — und wie benutzt man ihn? Wir präsentieren fünf Thesen.

Seit der Wirtschafts- und Finanzkrise wird der vermeintliche Werteverlust von Unternehmern und Führungskräften weltweit öffentlich diskutiert. Sowohl in Europa als auch in den USA profitieren populistische Bewegungen vom Vertrauensverlust in wirtschaftliche und politische Eliten. Der VW-Abgasskandal, die Aufdeckung systematischer Steuerhinterziehung durch die Panama Papers, der Nepotismus von Spitzenverdienern im amerikanischen Wahlkampf — all dies scheint zu beweisen, dass Profitstreben und ethische Handlungsprinzipien unvereinbar sind.

Doch wo erwerben wirtschaftliche Führungskräfte die Werte, denen sie in ihrem beruflichen Handeln folgen? Und wie können angehende Führungskräfte bei der Ausbildung eines individuellen beruflichen Ethos unterstützt werden? Diesen Fragen stellte sich eine Projektgruppe des Studentenforums im Tönissteiner Kreis. Als Dialog- und Projektforum verbindet dieser Verein engagierte und international orientierte Studierende und junge Berufstätige aller Fachrichtungen. Seine Mitglieder initiieren Projekte und gestalten Dialoge zwischen der jungen Generation und Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Medien — so wie die in diesem Beitrag beschriebene Interviewreihe zum Thema „Wirtschaft und Werte“. Dabei haben wir bewusst nach Gesprächspartnern aus Branchen gesucht, die in der Debatte um ethisches Führungsverhalten in der Kritik stehen: IT, Rüstungsgüter, Pharma, Logistik, Chemie und Bergbau. Die Gespräche geben in ihrer Vielfalt einen Einblick in das ethische Denken und Handeln deutscher Führungskräfte.

Ihre Ergebnisse lassen sich zu fünf Thesen verdichten:

Den Artikel finden Sie hier.


Studentenforum im Freitag

Die Grenzen winden sich

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Klaas Hendrik Eller

Projekt Fortress Europe?

Das Motto der diesjährigen Einheitsfeierlichkeiten wird manchem Festredner einen rhetorischen Eiertanz abverlangen. „Grenzen überwinden“ taugt derzeit nicht als Überschrift zur behaglichen Erinnerung an die schillernden Momente der friedlichen Revolution. Zu offenkundig sind die Widersprüche zu den Bildern erneuter Grenzkontrollen und physischer Grenzsicherung in Europa. Zu irritierend wirken gegenüber diesem Slogan die viel beschworenen „Kapazitätsgrenzen“. Zudem weckt das Motto auf den Tag genau schmerzliche Erinnerungen. Der „tre ottobre“ ist in Italien zur Chiffre für das verheerende Schiffsunglück vor nunmehr zwei Jahren geworden, bei dem mehr als 350 Schutzsuchende wenige Meter vor der Küste Lampedusas den Tod fanden. Was für Italien ein Weckruf war, betraf im Kern Europa. Nicht als italienisches Eiland, sondern als Vorposten Europas hat Lampedusa tragische Bedeutung erlangt. Es ist die zentrale Lehre der vergangenen Jahre, dass sich in vermeintlich lokalen Begebenheiten Leitlinien der europäischen Flüchtlingspolitik spiegeln.

Den Artikel finden sie hier .


Studentenforum im Oxford Monitor of Forced Migration

„Fortress Europe?“ findet weltweit Gehör
Oxford Monitor of Forced Migration Vol. 3, No. 1

Projekt Fortress Europe?
„Trapped in Greece: A Report about Experiences of Migrants, Asylum Seekers and Border Policemen during the Early Weeks of the Operation Xenios Zeus“ heißt der Artikel und wurde von den Mitgliedern Nele und Janna Weßels verfasst. Sie haben das Project „Migration at Europe’s External Border – Fortress Europe?“ des Studentenforums geleitet und konnten nun ihre Beobachtungen aus der Projektarbeit im OxMo vorstellen. Diese Art von Veröffentlichung sind Teil der Strategie des Projekts, das bereits den Tönissteiner Preis 2012 erhielt.

Den Artikel finden Sie hier .
Lokale Medien hatten bereits über die Projektphase II berichtet.


DAAD-Newsletter 03/12

Studentenforum im Tönissteiner Kreis: Grenzüberschreitender Dialog

Zsófia Tari und Kay Neumann sind fit für die globalen Herausforderungen. Die DAAD-Stipendiaten engagieren sich im Studentenforum des Tönissteiner Kreises e.V., gestalten dort eigene Projekte und sind auch im Vorstand des Studentenforums aktiv. „Wir wählen nur solche Studierende für das Forum aus, die bereits über Auslandserfahrungen, Fremdsprachenkenntnisse und soziales Engagement verfügen“, sagt Alexandra Heldt, Geschäftsführerin des Tönissteiner Kreises. „Die Förderung von internationalem Führungsnachwuchs und der grenzüberschreitende Dialog bilden den Schwerpunkt unserer Organisation.“ Seit 1999 erhalten Studierende die Gelegenheit, sich mithilfe des vom DAAD geförderten Studentenforums auf Führungsaufgaben bei Unternehmen oder internationalen Organisationen vorzubereiten. Mittlerweile zählt das Forum 150 Mitglieder. „Wir stehen den jungen Akademikern mit einem Netzwerk von älteren Mentoren beratend zur Seite“, sagt Alexandra Heldt.

Trotz der Unterstützung ist vor allem eines gefragt: selbständiges Denken. Nach einem Kreativkolloquium – in dem die Studenten sich ein Wochenende lang austauschen – gilt es, eigenständige Projekte zu entwickeln. Aktuelle Debatten, aber auch Grundsatzfragen der Politik, Kultur, Wirtschaft und Wissenschaft werden in Form von Thinktanks, internationalen Konferenzen oder Sur-Place-Dialogen realisiert. „Mein erstes Projekt war das ‚Weimar Youth Forum 2010‘. Da die Konferenz in Zusammenarbeit mit den französischen und polnischen Partnerorganisationen des Studentenforums des Tönissteiner Kreises durchgeführt wurde, war dies eine hervorragende gelegenheit, das internationale Netzwerk des Studentenforums, die Politeïa Community, kennenzulernen“, sagt Zsófia Tari. „Unser Team verfolgte unter anderem das Ziel, ein Problembewusstsein für die gesellschaftspolitische Tragweite des demografischen Wandels zu wecken und in die öffentliche Diskussion einzubringen.“ Auch Kay Neumann, der bereits seit zwei Jahren für die Ernst-Abbe-Fachhochschule Jena im Akademischen Auslandsamt arbeitet, setzt bei seinen Projekten auf transnationalen Austausch: „Reisen nach Marokko und Georgien haben es mir ermöglicht, hochaktuelle Themen vor Ort mit hochklassigen Gesprächspartnern zu diskutieren.“ Wie Zsófia Tari – die für die Koordination des institutionellen und projektbezogenen Fundraisings des Studentenforums zuständig ist – hat Kay Neumann als Vorstandsmitglied Verantwortung für eigene Ressorts übernommen: „Wir unterstützen und beraten die verschiedenen Projektgruppen beim Fundraising, bei der Ansprache von Referenten und Projektpartnern.“ — Christina Pfänder

Veröffentlicht im DAAD-Newsletter, Ausgabe No. 03/12


Weimar Youth Forum 2010: Lost in demographics?

FEST für die Praxis, Bd. 7, „Im Zeichen der Verständigung. 20 Jahre gelebte Zusammenarbeit“
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Projekt Weimar Youth Forum
von Constanze Blum

Titel
Weimar Youth Forum 2010: „Lost in demographics? A young perspective on the challenges of demographic change“

Um was geht es?
Ein trilaterales Seminar mit Teilnehmern aus Polen, Deutschland und Frankreich zur Unterstützung des interkulturellen Dialogs und einem Austausch über die länderübergreifende Thematik des demographischen Wandels, gesehen aus der Perspektive junger Erwachsener.

Durchführende Institution
Studentenforum im Tönissteiner Kreis e.V.
www.toenissteiner-studentenforum.de

Partner
Zentrum junger Diplomaten – Vereinigung der Studenten und Absolventen der Fakultät Internationale Beziehungen an der Warschauer Universität ( http://cmd.org.pl )
Conférence Olivaint, Paris ( http://olivaint.chez.com )

Ziel des Projektes
Die Kooperation zwischen den drei Partnerorganisationen zu stärken und eine interkulturelle Plattform für interessierte und engagierte junge Erwachsene zu schaffen, sich über länderübergreifende und europaweite Themen, wie dieses Jahr den demographischen Wandel, auszutauschen.

Erfahrungen und Wirkungen
Das Projekt, das vom 5. bis zum 7. November 2010 in Weimar stattfand, verband akademische Arbeit mit interkulturellem Dialog. Das Tagungsprogramm bestand aus Impulsreferaten eingeladener Experten zu Themen rund um den demographsichen Wandel, insbesondere Familienpolitik, Generationengerechtigkeit und Migration. Anknüpfend an die Diskussionen und Fragen, die den Vorträgen folgten, wurde sich in Kleingruppen über einzelne Aspekte ausgetauscht und gemeinsam Ideen entworfen, wie man mit den Folgen des demographischen Wandels in den drei Ländern umgehen kann. Die Workshops waren umso bereichernder, da sie jeweils aus einer sehr ausgeglichenen Anzahl der Vertreter der drei Länder bestanden. So kam es durch die Gegenüberstellung der verschiedenen Länderperspektiven zu interessanten und lebhaften Diskussionen. Sowohl im Rahmen der Konferenz und Workshops als auch beim Abend- und Kulturprogramm entwickelte sich zwischen den Studenten aus den unterschiedlichen Ländern ein anregender Austausch.

Die gemeinsame Erfahrung einer erfolgreichen Konferenz und die persönlichen Kontakte haben sowohl den Zusammenhalt zwischen den Studenten der drei Länder als auch zwischen den drei Partnerorganisationen gestärkt. Im Anschluss an das Seminar wurde ein Positionspapier zusammengestellt, das die gemeinsamen Überlegungen im Rahmen der verschiedenen Workshops zusammenfasst und so die Ergebnisse des Seminars festhält.

Wir hoffen, das Projektformat gemeinsam weiterzuführen und im Jahr 2011, dem 20-jährigen Jubiläum des „Weimar Triangle“, das die ideelle Grundlage des Weimar Youth Forums darstellt, das „Weimar Youth Forum 2011“ in Frankreich stattfinden zu lassen.


Demographischer Wandel als Herausforderung

Projekt Weimar Youth Forum

Eine Tagung des „Weimar Youth Forum 2010“, des Studentenforums im Tönissteiner Kreis, der Conférence Olivaint Paris und des Centrum Mlodych Dyplomatów Warschau in Weimar, vom 5. – 7. November 2010.
von Zsófia Tari, Brüssel

Mit Blick auf die etablierten politischen Gesprächsrunden zwischen Frankreich, Deutschland und Polen innerhalb des „Weimarer Dreiecks“ entwickelten Studenten des Tönissteiner Studentenforums die Idee einer eigenen Plattform zum regelmäßigen Austausch zwischen Jugendlichen der drei Länder. Die Initiative des grenzübergreifenden Dialogs wurde im Rahmen des „Weimar Youth Forums“ bereits in einem dritten Treffen im symbolträchtigen Ort für die deutsch-polnisch-französischen Beziehungen, in Weimar, organisiert. 30 Mitglieder diskutierten an drei Tagen „grenzüberschreitend“ den demographischen Wandel. Ziel der Tagung war es, das Phänomen der Demographie im Rahmen eines interkulturellen Austauschs über die jeweiligen nationalen Erfahrungen gemeinsam zu beleuchten und aus einer jungen, multinationalen Perspektive heraus Ideen für politische Maßnahmen zur Handhabung des demographischen Wandels zu formulieren. Die Debatten erfolgten in den drei thematische Blöcken Generationengerechtigkeit, Familienpolitik und Migration.

Die Konferenz leitete Eva Kibele vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung ein. Es wurde deutlich, dass zwar alle drei Länder vom demographischen Wandel betroffen sind und der Umgang mit diesem Phänomen eine wichtige Rolle in der jeweiligen nationalen Politik spielt. Trotzdem erleben Deutschland, Frankreich und Polen die Effekte auf ganz unterschiedliche Weise und in verschiedener Intensität. Frankreich als „geburtenstarkes Land“, Deutschland als „ältestes“ Land Europas und Polen, hauptsächlich von starker Emigration der arbeitsfähigen Bevölkerung betroffen: Das Schlagwort „demographischer Wandel“ hat nicht die gleiche Bedeutung für die drei Länder. Das Spannungsfeld zwischen ähnlichen Erfahrungen und spezifischen nationalen Begebenheiten stellte sich als sehr reizvoll heraus und diente als roter Faden für die Diskussionen während des gesamten Wochenendes.

Jörg Tremmel, Juniorprofessor für Generationengerechte Politik an der Universität Tübingen, führte in einem Vortrag den Themenblock „Generationengerechtigkeit“ ein. In den Medien oft polemisiert (Stichwort „Rentnerdiktatur“), wurde die Problematik von Tremmel auf abstrakter und sozialphilosophischer Ebene vorgestellt und ebnete den Weg für Diskussionen über die Bedeutung von Generationengerechtigkeit sowie über die Möglichkeiten, das Dominieren älterer über jüngere Generationen zu vermeiden bzw. in Balance zu halten. Die mögliche Umsetzung „gerechter“ politischer Repräsentation, bessere Einbindung in politische Entscheidungsprozesse der jüngeren oder noch nicht geborenen Generationen sowie wirtschaftliche intergenerationelle Gerechtigkeit (die aktuell anvisierte Erhöhung des Rentenalters in Frankreich sorgte für reichlich Gesprächsstoff) standen dabei im Mittelpunkt.

Der Themenblock „Familienpolitik“ wurde von Frau S?otwi?ska-Ros?anowska, Warsaw School of Economics, eingeleitet. Die Änderung des traditionellen Familienbildes in den letzten Jahrzehnten im Zuge sich wandelnder Wertvorstellungen, aber auch praktische Fragen, z.B. wie man Familie und Beruf verbinden kann, wurden in ihrem Vortrag aufgegriffen. Einigkeit unter den Teilnehmern bestand darin, dass sowohl politisch-strukturelle Änderungen notwendig sind, um bessere Rahmenbedingungen für junge und auch unverheiratete Paare (Stichwort Ehegattensplitting) zu schaffen, als auch deren soziale Akzeptanz verbessert werden muss. So ist z.B. in Frankreich die Kleinkinderbetreuung sehr gut ausgebaut und wird intensiv genutzt, während in Deutschland und Polen noch das Bild der „Rabenmutter” bemüht wird, wenn ein Kind relativ früh in Betreuung gegeben wird. Des Weiteren wurde festgehalten, dass in allen Ländern allein finanzielle Anreize, wie Kindergeld, nicht ausreichend sind. Stattdessen wurde ein breiterer Ansatz favorisiert. Die Gleichstellung der Frau im Berufsleben spielt dabei eine wichtige Rolle. Eine flexiblere Arbeitswelt, in der junge hochqualifizierte Mütter nach einer Geburt schnell wieder integriert werden, sowie eine breitere Akzeptanz des „two-breadwinner” Modells wurden als sinnvolle Ansätze erachtet.

Die Möglichkeit, die Folgen des demographischen Wandel durch verstärkte Immigration zu lindern, und die daraus resultierenden sozialen und wirtschaftlichen Folgen wurden im Rahmen des dritten Themenblocks kontrovers diskutiert. Hierzu sprach Hans Dietrich von Loeffelholz vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Migration und Demographie in den EU-Mitgliedsstaaten, die Möglichkeit eines Migrationsmanagements auf EU-Ebene und die Herausforderungen der Integration waren Aspekte seines Vortrags. Die Studenten thematisierten aktuelle politische Entwicklungen, wie die Blue Card Initiative der Europäischen Union. Die Frage nach der Integration von Immigranten in Frankreich vor dem Hintergrund der von Präsident Sarkozy initiierten nationalen Identitätsdebatte, das polnische Phänomen der heimkehrenden Arbeitsmigranten oder der in Deutschland gerade ausgerufene und heiß diskutierte „Tod von Multikulti“ waren Elemente, die die unterschiedlichen Auffassungen von Migration und Integration in den drei europäischen Ländern gut zum Ausdruck brachten. Die drei Tage in Weimar boten nicht nur eine Plattform für akademischen Diskurs, sondern auch für den interkulturellen Austausch zwischen den Studenten der drei Länder. Das Besondere des Projekts liegt darin, dass die Perspektiven der jungen Generationen, die am meisten von den Folgen und Herausforderungen des demographischen Wandels betroffen sind, im Mittelpunkt stehen, und dass dies in einer „Weimarer Perspektive“ diskutiert wird, die für einen intensiven Dialog zwischen Frankreich, Polen und Deutschland steht.

 


Auch Realschüler zieht es ins Ausland

Die WELT, 18. Februar 2008
Projekt Haupt- und Realschüler international

An der Realschule im schleswig-holsteinischen Niebüll motivieren Lehrer aktiv ihre Schüler, ein Jahr im Ausland zu verbringen. Momentan nutzen diese Chance nur fünf Prozent der Realschüler. Doch nicht nur die Schüler selbst zweifeln an ihren Fähigkeiten dazu.
von Nina Mareen Spranz

Oke Albrecht hatte seinen Realschulabschluss in der Tasche und wollte raus. Raus aus Norddeutschland, weg vom elterlichen Bauernhof, rein in die weite Welt. Amerika sollte es sein, am liebsten Kalifornien, per Schüleraustausch und für ein ganzes Jahr. Vorgemacht hatte es ihm seine Zwillingsschwester Thoma. Damals 16-jährig, war sie sofort nach dem Abschluss der Realschule Niebüll nach Kentucky aufgebrochen, ein Jahr geblieben, und begeistert zurückgekehrt. Viel Sport, viele neue Freunde und nur ganz wenig Hausaufgaben. „Schule dort war wirklich nicht schwer, eher so wie bei uns in der achten Klasse“, lacht Thoma. Oke war weniger mutig, wechselte zunächst auf das Fachgymnasium, nach der elften Klasse packte aber auch er seine Sachen. „Ein mulmiges Gefühl hatte ich trotzdem, vor allem weil ich dachte, es wird mir vielleicht zu lang“, erinnert er sich. Aber das Jahr habe ihm gut getan, „ich bin viel selbstbewusster geworden und hatte eine echt fantastische Zeit“, sagt der mittlerweile 19-jährige Zwölftklässler: Eine nette Gastfamilie in Arizona, Ausflüge nach Washington und Kalifornien, gekrönt von einem zehntätigem Urlaub auf Hawaii. Auch Oke hat Amerika nicht bereut.

Auf die Idee für den Austausch kam Schwester Thoma damals aber nur, weil ihre Realschule sie auf den USA-Aufenthalt aufmerksam machte. Die Schule fördert das Interesse am Auslandsjahr, zunächst mit Flyern und Infoveranstaltungen, dann auch persönlich in den Klassenzimmern. „Die Englischlehrer sprechen im Unterricht über die Austauschprogramme, vermitteln Wissen über das amerikanische Schulsystem“, erklärt der stellvertretende Schulleiter Hans-Ferdinand Sönnichsen und erstellt bei Bedarf für den Austausch nötige Gutachten.

Eine solche Förderung ist an deutschen Real- und Hauptschulen die Ausnahme. „Außerhalb des Gymnasiums wird ein Austausch bislang eher über private Mund-zu-Mund-Propaganda vermittelt“, erklärt Sönnichsen. „Wenn jemand aus dem weiteren Bekanntenkreis das Wagnis Jahresaustausch auf sich genommen hat, fällt die Entscheidung eher.“ Mit dem Ergebnis, dass sich bei den einschlägigen Organisationen fast ausschließlich Gymnasiasten bewerben. „Die Quote an Realschülern bei den einjährigen Austauschen liegt bei uns bei etwa fünf Prozent, die der Hauptschüler bei Null“, sagt Knut Möller, Geschäftsführer der Austauschorganisation Youth for Understanding (YFU) und Sprecher des Arbeitskreises gemeinnütziger Jugendaustauschorganisationen (AJA). 1200 Schüler zwischen 15 und 18 Jahren verschickt YFU jedes Jahr in die verschiedensten Länder. „Wir wären begeistert, wenn sich mehr – vielmehr überhaupt – Hauptschüler bei uns bewerben würden“, sagt Möller. YFU werbe zwar aktiv auch an den Hauptschulen, ein mit knapp 700.000 Euro gut gefüllter Stipendientopf stünde bereit und dennoch: „Die Rücklaufquote liegt bei Null“, beklagt der YFU-Mann. „Es kann nicht an der Finanzierung liegen.“ Ein Jahr USA, wie Oke und Thoma es hinter sich haben, kostet bei YFU 6400 Euro. Teilstipendien bis 4400 Euro stünden für die Teilnehmer zur Verfügung, „in absoluten Härtefällen gewähren wir sogar Stipendien, die fast den gesamten Programmpreis decken“, sagt Möller. Das Programm sei so flexibel angelegt, dass auch junge Schüler direkt nach dem Hauptschulabschluss teilnehmen könnten. Und auch das Auswahlverfahren siebe Schüler mit geringerem Bildungsniveau nicht aus. „In den Gesprächen kommt es darauf an, dass die zukünftigen Teilnehmer soziale Kompetenz zeigen“, erklärt er. Viel mehr als auf den Notendurchschnitt würde darauf geachtet, ob und wie sich ein Schüler in ein neues Umfeld integrieren könne und ob er stabil genug sei, ein Jahr durchzuhalten. „Die Jugendlichen sollen in einer Familie funktionieren und auch wachsen können“, fordert Möller.

Genau das traut Heinz Wagner, Leiter der Abteilung Schul- und Bildungspolitik des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), den Hauptschülern nicht zu, erklärt damit ihr Fehlen bei den Austauschprogrammen. „Schon bei einwöchigen Fahrten haben die begleitenden Lehrer häufig Sorge, dass sich die Schüler nicht als ordentliche Repräsentanten ihres Landes zeigen“, sagt Wagner. Hinzu kämen meist noch kulturell-religiöse Probleme. „Wenn schon bei Klassenfahrten ein Drittel der Schüler nicht teilnehmen darf, weil es die Eltern verbieten, ist ein langfristiger Aufenthalt meist völlig ausgeschlossen“, klagt Wagner. Ein fehlender deutscher Pass mache vieles noch komplizierter, ebenso wie mangelnde Kompetenz in der Fremdsprache.

„Haupt- und Realschüler dürfen nicht weiter von internationaler Bildung und dem Austausch ausgeschlossen bleiben“, fordert Andreas Saerbeck, Mitinitiator des Projekts „Haupt- und Realschüler International“ des Studentenforums im Tönissteiner Kreis. Die Gruppe arbeitet an einem speziell zugeschnittenen Motivations- und Auslandsprogramm. Grundlage dafür ist eine Umfrage unter Hauptschülern: Viele Befragte geben dort an, dass es vor allem die Angst vor dem Zurückbleiben im Wettbewerb um einen Ausbildungsplatz sei, die schwierige Rückkehr in den Freundeskreis und tatsächlich auch fehlende Vokabeln.

„Ich würde diesen Jugendlichen so gern sagen, dass ihre Bedenken grundlos sind“, sagt Birte Marquardsen. Sie spricht aus Erfahrung, hat selber in einem kleinen Dorf nahe der dänischen Grenze die Hauptschule besucht und später ein Austauschjahr in Brasilien verbracht. Mit nicht viel mehr Kenntnissen auf Portugiesisch als „Hallo“ und „Danke“. „Was in der Hauptschule oft fehlt, ist jemand, der einem das Gefühl gibt, dass man etwas schaffen kann. Der an einen glaubt“, beschreibt die 26-Jährige. Viele Kinder in der Hauptschule würden nicht ermutigt, sich Bildung anzueignen. Viel mehr stünde der „Kampf ums Überleben, eine solide Berufsausbildung, die das Einkommen sichert“ im Vordergrund. Sie fragten sich, was sie anfangen sollen, wenn der Lebensunterhalt nicht gesichert ist. „Man muss den Schülern begreiflich machen, dass sie durch ein Austauschjahr mehr erreichen können, als die Sicherung eines Ausbildungsplatzes. Es ist eine Chance, die eigenen Talente zu finden.“ Sie sagt es mit Nachdruck und kann es auch. Birte Marquardsen hat nicht nur ein Jahr in Brasilien verbracht, den Realschulabschluss und das Abitur nachgeholt. Heute studiert sie – Bildungsmanagement an der Technischen Universität in Berlin.

http://www.welt.de/politik/article1690870/Auch_Realschueler_zieht_es_ins_Ausland.html


Netz ohne Grenzen

Manager Magazin, 7. April 2003

Der „Tönissteiner Kreis“ fördert junge Talente, die eine Spitzenkarriere im Ausland anstreben.
von Eva Buchhorn

Wer in Frankreich eine EU-Karriere oder eine Position im Topmanagement anstrebt, besucht eine Grande Ecole. Wer als Brite in den diplomatischen Dienst eintreten will, studiert in Oxford oder Cambridge. Doch wo bereiten sich deutsche Talente auf internationale Karrieren vor? Die eine, spezialisierte Ausbildungsstätte für Elite-Beamte oder auslandsorientierte Manager gibt es hier zu Lande nicht. Aber es gibt einen Verein, dessen Mitglieder jungen Talenten gerne dabei helfen, ihren Traum von der internationalen Laufbahn zu verwirklichen: den Tönissteiner Kreis. Die „Tönissteiner“, das sind mehr als 600 Spitzenbeamte, Rechtsanwälte, Manager, Wissenschaftler und andere Akademiker, die alle eins gemeinsam haben: Sie haben lange Zeit im Ausland gearbeitet oder tun es noch. Und sie bemühen sich intensiv darum, ihre Kenntnisse und Erfahrungen an Jüngere weiterzugeben.

Doch Achtung: Wer den kurzen Draht zur Macht sucht, ist in diesem Netzwerk falsch. Regelrechte „Promis“ aus Wirtschaft und Politik finden sich wenige in den Reihen des Kreises. Daimler-Chrysler-Vorstand Klaus Mangold oder Stahlunternehmer Jürgen Großmann gehören noch zu den bekanntesten Manager-Mitgliedern. Auch glanzvolle Parties oder elegante Abendessen, bei denen hoffnungsvolle Talente sich an geladene Botschafter oder Topmanager heranschleichen könnten, sind nicht die Sache dieses Zirkels. Dem Glamour mag man anderswo frönen – bei den Tönissteinern wird richtig gearbeitet. Was also hat der Kreis jungen Führungskräften zu bieten? Da gibt es zum Beispiel die so genannten Fachkolloqien: Ausgewählte Young Professionals diskutieren ein Wochenende lang mit hochkarätigen ausländischen Referenten über aktuelle politische oder wirtschaftliche Fragen. Da gibt es ferner das Mentorenprogramm: Ältere Tönissteiner, Diplomaten etwa oder Ministerialbeamte, engagieren sich als Ratgeber und stehen jüngeren Mitgliedern in allen beruflichen Lebenslagen zur Seite. Ein weiteres Projekt ist das 1999 gegründete Studentenforum. Die Studenten – bisher sind es rund 85 – unternehmen Bildungsreisen ins Ausland oder organisieren eigene „Think Tanks“. Bei all diesen Aktivitäten werden die Jungen von arrivierten Tönissteinern tatkräftig unterstützt. Durch deren Kontakte erhalten sie Einblicke, von denen ihre Altersgenossen nur träumen können. Bei ihrer Bulgarien-Reise im vergangenen Jahr empfing der bulgarische Premierminister die studentische Runde. Und nach dem Afrika-„Think Tank“ mit der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) in Berlin führte ein Personalmanager der GTZ die Teilnehmer ausführlich in die Karriereperspektiven in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit ein.

Wie man Tönissteiner wird
Erste Bedingung ist ein Studium. Juristen und Wirtschaftswissenschaftler stellen die Mehrheit im Verein und im Studentenforum, doch andere Berufsgruppen – Unternehmer, Naturwissenschaftler, Kulturschaffende und Journalisten – sind ebenfalls gern gesehen. Auch junge Politiker würde man gerne verstärkt für den Verein gewinnen, sagt Felicitas von Peter, eine der Sprecherinnen der Organisation. Aber ach, zu wenige erfüllen sämtliche Aufnahmekriterien. Denn mit der akademischen Ausbilung ist es nicht getan, und auch persönliche Beziehungen zu einem Mitglied zählen hier nicht viel. Aufgenommen wird nur, wer zum Zeitpunkt seiner Bewerbung unter 35 Jahre alt ist und bereits zwei Jahre in unterschiedlichen Sprachräumen im Ausland gelebt hat. Sehr gute englische Sprachkenntnisse sind selbstverständlich, und auch auf Französisch möchte der Kreis „jederzeit arbeitsfähig sein“, wie die Sprecherin betont. Gefordert sind außerdem überdurchschnittliche fachliche Leistungen sowie die erkennbare Bereitschaft, internationale Aufgaben zu übernehmen und sich gemeinnützig zu engagieren. Auch die aktive Mitarbeit im Kreis wird gefordert: Eine „reine Konsumentenhaltung“, sagt von Peter, „akzeptieren wir hier nicht.“ Weil all diese Bedingungen nur von wenigen deutschen Hochschulabsolventen erfüllt werden, kooperiert das Netz auf der Suche nach neuen Kandidaten mit den Begabtenförderungswerken und dem Deutschen Akademischen Austauschdienst. Kein Wunder also, dass aus der Vita vieler jüngerer Tönissteiner eine enorme akademische Beflissenheit herauszulesen ist. Ihre Lebensläufe strotzen nur so vor Stipendien, Titeln, Zusatzstudiengängen, Praktika und Auslandsaufenthalten, als hätten diese jungen Leute seit Schülertagen nichts anderes gekannt als sich höchst ambitioniert auf den Beruf vorzubereiten. Trotzdem ist der Kreis kein Zusammenschluß windschnittiger Aufsteiger. Ganz im Gegenteil: Viele Tönissteiner sind neugierige, vielseitige Leute, die früh begonnen haben, sich in der Welt umzusehen und sich für gesellschaftliche Fragen einzusetzen. Wie der Volkswirt, zum Beispiel der während seiner Studienzeit für die OSZE als Wahlüberwacher in Bosnien-Herzegowina unterwegs war. Oder jener MBA-Absolvent, der einige Jahre für die Anne-Frank-Stiftung in Amsterdam gearbeitet hat und später zur Unternehmensberatung Arthur D. Little ging. Ein spannender Zirkel also, in dem jüngere Führungskräfte eine Menge wertvolle intellektuelle Anregungen erhalten. Zugegeben, ein bisschen Zeit und Energie muss man schon aufwenden – aber Engagement kann ja auch Spaß machen.

Im Profil: Der Tönissteiner Kreis
Träger: Der „Tönissteiner Kreis“ wurde 1958 im Eifel-Örtchen Bad Tönisstein gegründet. Ziel war es, den Anteil junger Deutscher in internationalen Organisationen zu erhöhen. Finanziert wird der Verein von den Wirtschaftsverbänden, dem Deutschen Akademischen Austauschdienst und Stiftungen.

Mitglieder: In den ersten Jahrzehnten zog der Kreis vor allem Juristen und Wirtschaftswissenschaftler an, darunter viele Mitglieder des öffentlichen Dienstes. Heute arbeiten zwei Drittel der Tönissteiner im privaten Sektor, in Wirtschaftsunternehmen, den Medien oder als Freiberufler.

Projekte: Der Kreis engagiert sich an Universitäten, in der Bildungspolitik und mit eigenen Veranstaltungen. Für begabte Studenten und Hochschulabsolventen organisiert er Workshops mit Auslandsbezug, Reisen und international besetzte Kolloquien. Als Mentoren beraten die Mitglieder Studenten und junge Akademiker bei der Vorbereitung und Gestaltung einer internationalen Laufbahn.


Warum immer nur die anderen?

Deutsche Lehrer im Ausland, 1/2007
Zeitschrift des Verbandes Deutscher Lehrer im Ausland
Projekt Haupt- und Realschüler international

Das Projekt „Haupt- und Realschüler international“ des Studentenforums im Tönissteiner Kreis
von Andreas Saerbeck

Die Hauptbaustellen des deutschen Bildungssystems sind leider nicht immer die, die eine Renovierung dringend nötig hätten. Profilklassen und Elitestudiengänge prägen die Diskussion, viel wird über Ausbildung und Studium geredet, aber vernachlässigt werden bei dieser Förderung oft die, denen bereits die Wahl der Schulform oft Probleme bereitet: Real- und insbesondere Hauptschüler. Dennoch sind Förderungen natürlich möglich, insbesondere in Bereichen, in denen andere bereits Unterstützung erfahren. Einer dieser Bereiche ist der internationale Schüleraustausch. Während es für Gymnasiasten und Gesamtschüler alles andere als ungewöhnlich ist, während ihrer Schulzeit ins Ausland zu gehen, bleibt es für Haupt- und Realschüler bisher die Ausnahme. Dabei kann Austausch auch wichtige Erfahrungen und Impulse für Ausbildung und Beruf geben. An diesem Mangel möchte die Projektguppe „Haupt- und Realschüler international“ des Studentenforums im Tönissteiner Kreis etwas ändern.

Das Studentenforum im Tönissteiner Kreis ist ein politisch sowie konfessionell unabhängiger, interdisziplinärer Think Tank deutscher Studierender mit internationaler Orientierung, der verschiedene Projekte ins Leben ruft und betreut. Er vereint Studierende aller Fachrichtungen und ist die Studentenorganisation des 650 Mitglieder zählenden Tönissteiner Kreises, der deutschen Nachwuchs international fördern möchte. Leider gibt es – wie die Projektgruppe in einer ersten Recherchephase herausgefunden hat – verhältnismäßig wenige Austauschprogramme, die sich gezielt an Real- und Hauptschüler richten: Das Angebot von Austauschorganisationen ist zwar für Schüler aller Schulformen offen, allerdings erfolgt in der Regel eine strenge Auswahl, bei der Haupt- und Realschüler im Vergleich weniger erfolgreich abschneiden. Zudem sind die Probleme praktischer Natur: Ein Auslandsaufenthalt kostet Geld, Stipendien gibt es wenige. Auch sind die Berührungsängste größer. Was Austauschprogramme der Schulen selbst angeht, sind auch diese bei Haupt- und Realschulen eher spärlich gesäht, was oft daran liegt, dass der Lehrplan von Haupt- und Realschulen praktischer ausgerichtet ist, als dies bei Gymnasien und Gesamtschulen der Fall ist.

Dabei ist nicht einsehbar, warum ein entsprechend für Haupt- und Realschüler konzipiertes Austauschprogramm zur Ergänzung und Erweiterung des Unterrichts nicht möglich sein sollte. In einer zweiten Recherchephase hat die Projektgruppe Anfang Dezember daher begonnen, in Hauptschulen zu gehen, Schüler, Lehrer und Verantwortliche in Beruf und Ausbildung zu befragen, wie ihrer Meinung nach ein Austauschprogramm aussehen kaönnte – ob beispielsweise ein Praktikum im Ausland sinnvoller sein könnte als ein Familienbesuch – und wo genau praktische Probleme liegen. Danach wird es darum gehen, mit Unterstützern und Organisationen ein entsprechendes Paket zusammenzuschnüren.

Noch ist das Projekt also in einer Anfangsphase. Der Mangel an Angeboten ermutigt aber, weiterzumachen. Für Unterstützung, Hinweise und konstruktive Kritik ist die Projektgruppe daher immer dankbar.


Nicht auf Harvard, sondern auf Europa antworten

Wirtschaft und Wissenschaft, 1/2005
Projekt Tönissteiner Modell – Young Villa Hügel

Mit einem eigenen Modell wirbt das „Tönissteiner Studentenforum“ für eine vielseitige und von großer Mobilität geprägte Spitzenausbildung künftiger europäischer Führungskräfte
von Dirk Hamann

Die Debatte um Spitzenbildung wirft immer wieder die unglückselige Frage nach der „Antwort auf Harvard“ auf. Harvard hat aber nichts gefragt! Die Frage nach Spitzenbildung ist eine europäische: Wie kann hoch begabten Europäern von Studienbeginn an ein Rahmen geboten werden, in dem sie sich zu kompetenten, verantwortungsbereiten und visionären europäischen Bürgern entwickeln? Eine nationale Universitätsbildung bietet nur unzureichende Möglichkeiten, Europa zu erfahren, interkulturelle Kommunikation zu erlernen, eine Identität als citoyen européen und schließlich eine Vision von Europa zu entwickeln. „Europa“ als Studiengang ist ebenfalls nicht hilfreich: Die Studenten kommen nicht nach Europa, sondern Europa kommt in den Hörsaal und verkommt dadurch zu einem Abstraktum der Wissenschaft. Sinnvoller ist es, ein etabliertes Studienfach in einem europäischen Kontext zu studieren. Viele Studienpostgraduelle Programme propagieren einen derartigen Aufbruch nach Europa, doch im undergraduate Bereich ist davon wenig zu spüren. Ein gewaltiges Potenzial bleibt damit ungenutzt. Folgende Leitlinien müssen ein europäisches Studium kennzeichnen:

Interkulturelle Kompetenz
Der Studierende sollte als Teil einer europäischen Gemeinschaft interkulturelle Kompetenz erwerben und vor allem den eigenen Standpunkt mithilfe fremder Perspektiven hinterfragen. Teil einer europäischen Gemeinschaft zu sein, bedeutet aber auch, sich inhaltlich mit den Fundamenten dieser Gemeinschaft auseinander zu setzen und mehrere Sprachen dieser Gemeinschaft zu beherrschen.

Mobilität
Ein citoyen européen kennt vor allem die unterschiedlichen europäischen Mentalitäten, Kulturen, Lern-, Lehr- und Denkmethoden und berücksichtigt diese in seinem Handeln und Denken. Dieses Ziel erreicht nur, wer an verschiedenen Orten Europas über einen längeren Zeitraum hinweg lebt.

Einheit in Vielfalt
Eine europäische Spitzenbildung muss einerseits einen einheitlichen Rahmen bieten, Qualitätsstandards setzen und eine reibungslose Organisation sichern. Ansonsten ist aber dem dezentralen Charakter Europas Rechnung zu tragen. Die Eigenständigkeit und Vielfalt der Fakultäten muss auch weiterhin eine große Rolle spielen.

Universalität
Spitzenbildung muss einen Abschluss in einem anerkannten Studienfach bieten. Dabei müssen aber neben sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern auch Naturwissenschaften integriert und angeboten werden.

Nach dem Tönissteiner Modell sollen im Rahmen einer Dachorganisation („Tönissteiner Universität“) die Studierenden ab Studienbeginn zunächst auf einem, der Dachorganisation unmittelbar unterstehenden Campus für ein Jahr zusammenkommen, um einem Grundstudium nachzugehen. Auf dieses folgt dann das Hauptstudium, in dem die Studenten ein etabliertes Fach aus den Geistes-, Sozial- oder Naturwissenschaften studieren. Das Hauptstudium umfasst drei bzw. vier Jahre und schließt mit einem von der „Tönissteiner Universität“ zu vergebenden Abschluss ab. Nach jedem akademischen Jahr wechseln die Studierenden Studienort und Land, wobei sie sich idealiter beides nach ihren Bedürfnissen individuell aussuchen können. Das Modell fordert ein paneuropäisches Netzwerk von Universitäten, die bei der Ausarbeitung der Curricula der Studiengänge und der Organisation des mobilen Studiums mit der Dachorganisation zusammenarbeiten.

Dem Grundsatz der Subsidiarität entsprechend soll Letztere nur die für den reibungslosen Ablauf erforderlichen Rahmenregelungen schaffen sowie eine permanente Qualitätssicherung garantieren, während die teilnehmenden Fakultäten im Übrigen autonom das Studium mit Inhalt füllen. Auf diese Weise kann man unterschiedliche Lehransätze und Profile aus der vielfältigen europäischen Bildungslandschaft in ein individuelles Studium integrieren. Angestrebt wird, im Rahmen eines Wettbewerbs der Universitäten bzw. Fakultäten die besten für das Modell zu akquirieren. Gegenüber herkömmlichen Projekten bietet das Tönissteiner Modell ein Höchstmaß an vielseitiger Ausbildung, die mit dem Grundstudium vorbereitet wird. Letzteres besteht aus vier Säulen, die den unterschiedlichen Anforderungen eines europäischen Studiums Rechnung tragen: Sprachen, Studium Fundamentale, Studium Speciale und Projektarbeit. Während das Studium Speciale eine erste fachspezifische Vorbereitung bietet und daher auf das vom Studierenden für das Hauptstudium gewählte Studienfach ausgerichtet ist, soll das Studium Fundamentale, der Schwerpunkt des Grundstudiums, die Studierenden über ihre kulturellen Wurzeln und über ihre Verantwortung in Gesellschaft und Staat reflektieren lassen und dabei auch naturwissenschaftliche und ökologische Aspekte berücksichtigen.

Das Tönissteiner Modell ist vor diesem intergrund ein zukunftsweisendes Bildungskonzept, das die Integration Europas fördert und eine europäische Antwort auf die Frage nach Spitzenausbildung gibt.

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